Elektrische Großroller und Motorräder – kaufen, abwarten, was tun?

Wer mit dem Gedanken spielt, sich ein elektrisches Motorrad zu kaufen und Gründe, die dafür sprechen gibt es genügend, der ist oft vor die Wahl gestellt, ein eMotorrad aus westlicher Produktion oder doch eher ein fernöstliches Fahrzeug.

Eine kurze Definition: ein Elektromotorrad ist alles, was als L3e-Fahrzeug klassifiziert ist, also auch L3e-A1, die klassische „125er“. Und natürlich gehören alle L3e-Roller dazu, denn auch eine Honda Goldwing ist ein Motorrad, obwohl sie die Konstruktionsmerkmale eines Roller aufweist. Ganz streng genommen sind alle Benzinmotorräder KEINE Motorräder, sondern nur einspurige KFZ, weil sie einen Motor und eine Kraftübertragung auf das Hinterrad haben. Nur Elektromotorräder, die einen Radnabenmotor haben, sind echte Motorräder, weil sie ihren Motor im Hinterrad haben (1:1 Übersetzung, kein Getriebe).

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Elektromotorrad PUMA, importiert von 2013-2015 durch die ZWV

Zunächst einmal zu den Motivationen für den Kauf eines elektrischen Zweirades: die Nase voll von der Parkplatzsuche in der Großstadt; besseres Vorankommen in Berufsverkehr; der Umwelt und dem Klima zuliebe so wenig wie möglich Energie zu verbrauchen, aber trotzdem gut weiter zu kommen und kein Verkehrshindernis a la 45km/h Moped zu sein; gerne Zweirad fahren; die Mitmenschen nicht durch Lärm und Abgase zu belästigen; eMotorräder sind sparsamer und resourcenschonender als eAutos; sich einfach fit für die Zukunft machen, denn Verbrennungsmotoren sind Steinzeit und ein Auslaufmodell; usw.

Und damit kommt man schon zu anfangs genanntem Dilemma. Kauft man sich ein zB. europäisches eMotorrad, von dem man erwartet, dass es „high tech“ und sehr solide ist, aber auch sehr sehr teuer (ca. 15.000 bis >25.000 Euro). Da es sich bei diesen oft um aufwändige Neukonstruktionen handelt, muss man fairer Weise sagen, dass es auch hier Kinderkrankheiten und Probleme gibt. Und bei den tollen Fahrleistungen, die ja werbetechnisch immer an die große Glock gehängt werden, ist der Unterschied zu chinesischen eMotorrädern kaum vorhanden, wenn man Äpfel mit Äpfeln vergleicht. Denn die Chinesen sind bei den Radnabenmotoren und Nicht-Radnabenmotoren sehr gut, in Europa werden nur Nicht-Radnabenmotoren eingesetzt, gute Radnabenmotoren gibt es hier für eZweiräder praktisch nicht.

Die chinesischen eMotorräder sind zwar wesentlich billiger, haben aber meist grobe Verarbeitungsmängel, oft ungültige oder gefälsche CoC Papiere und sind nicht so haltbar wie ihre europäischen Mitbewerber. Warum das?, wird sich jeder fragen, der weiß, dass in China hunderte Millionen elektrische Zweiräder unterwegs sind.
Man kann das am Einfachsten über die Stückzahlen erklären. Wirklich gut, ausgereift, billig und relativ langlebig sind die elektrischen Kleinroller mit einer Leistung von ca. 300-800W. Von diesen werden und wurden wirklich etliche Millionen verkauft. Die nächste Gruppe ist die, mit einer Leistung von 1000-2000W oder etwas mehr, die bei uns als Moped eRoller (L1e – 45km/h) gerne importiert werden. Hier sind die verkauften (produzierten) Stückzahlen schon um einiges geringer, aber auch diese eRoller sind mittlerweile technisch ausgereift und von guter Qualität. Aber das Wichtigste, die Firmen können von den in Massen produzierten eRollern leben.

Und jetzt komme ich zu den eMotorrädern bzw. den elektrischen Großrollern.
In China werden eRoller mit einer Nennleistung von 5000, 8000, oder 10.000W nicht verkauft bzw. gefahren. Dh. alle diese Fahrzeuge gehen in den Export! Und weil in den meisten Fällen die Stückzahlen sehr gering sind, haben die Firmen große Probleme mit diesen elektrischen Großrollern. Ich kenne einige Fahrzeuge, die einfach wieder vom Markt genommen wurden und nicht mehr verfügbar waren. Auch der von uns lange importierte PUMA hat Probleme mit zu wenig verkauften Exemplaren. Der chinesische Hersteller der Kunststoffteile des PUMA droht schon längere Zeit die Zulieferung einzustellen, wenn nicht mehr verkauft wird. Das ist das Hauptproblem der chinesischen elektrischen Großroller und anderer eMotorräder. Das Abgebot für den Export für den europäischen Markt ist daher sehr überschaubar, die Fahrleistungen gut, die Qualität recht bescheiden, die Verarbeitung schlecht und die Preise, die sind für den gebotenen Nutzen teilweise hoch. Man kann keine eRoller für 8000-9000 Euro verkaufen, die in China unter 4000 USD kosten und von dieser, aus europäischer Sicht, schrecklichen Qualität sind.

An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass der Verein gerade daran arbeitet einen elektrischen Großroller, ähnlich dem PUMA, zu bauen. Dh. er wird von uns gebaut und typisiert. Alle Komponenten werden von sehr guter Qualität sein und aus China und Deutschland kommen. Der Preis wird maximal niedrig bleiben und  die Fahrleistungen gewohnt gut. Und vor allem wird er langlebig sein und wenn, dann kann man ihn leicht reparieren, da ich auf modularen und einfachen Aufbau großen Wert lege! Für die Verbreitung des neuen eRollers wird es ein eigenes neues System geben, das mit den Zielsetzungen unseres Vereins in Einklang steht.
Siehe Projekt BISON.

Große Motorroller
Wenn man sich Städte wie Paris, Rom oder Madrid anschaut, dann sieht man wie beliebt diese großen Motorroller in Ländern wie Frankreich, Italien oder Spanien sind. Achten sie einmal auf Nachrichtenbeiträge aus diesen Städten und staunen sie, wie viele Großroller hier in einer einzigen TV-Einstellung zu sehen sind. Bei uns in Mittel- und Nordeuropa sind sie schon langsam im Kommen, weil sie einige Vorteile gegenüber klassischen Motorrädern haben. Diese vollverkleideten Rollermotorräder haben einen einmaligen Wetterschutz, selbst im stärksten Regen. Sie haben gute Stauraummöglichkeiten und können durch ihre kleineren Räder, sehr langsam fahren. Das ist gerade in der Großstadt von Vorteil. Und sie sind preislich meist günstiger als andere (Sport, Touren, Enduro) Motorräder. Größter Nachteil, sie haben alle Benzinmotoren und verpesten die Umwelt und das ist in der Großstadt ganz schlecht! Wir haben dann noch den Winter, in dem naturgemäß weniger Zweirad gefahren wird, als in den südlicheren Ländern. Das ist natürlich auch ein Grund, warum die Großroller-Dichte bei uns noch so gering ist. Benzingroßroller gibt es von allen großen japanischen Herstellern, von vielen europäischen und vor allem von den Koreanern. Nur elektrische sucht man lange…

Die logische Überlegung wäre nun, gerade in den Großstädten, die elektrischen Roller zu forcieren. Das bekannte Problem dabei, leistbare, robuste und langlebige große eRoller wird man nicht finden. Der BMW e Evolution kostet 15.000 Euro und hat für den Preis zu wenig Reichweite. Die paar chinesischen Modelle werden von unterschiedlichen Importeuren zu teilweise sehr unterschiedlichen Preisen und zweifelhafter Qualität angeboten. Eine Probefahrt sagt im Prinzip gar nichts, denn die Fahrleistungen sind gut und man kann nicht abschätzen, was in 2 Jahren mit dem Fahrzeug bzw. den Akku los ist. Dazu kommt, dass die Importeure selbst oft wenig Ahnung von den Fahrzeugen haben, was im Fall eines Schadens problematisch werden kann (Problemlösung, Ersatzteilverfügbarkeit und Reparatur).

Mir ist ganz wichtig und ich versuche dieses Ziel über den Verein ZWV zu erreichen, nämlich, dass das Image dieser wunderbaren eFahrzeuge durch schlechte Qualität oder zu hohe Preise nachhaltig gestört wird.

Wir brauchen gute, leistbare, nachhaltige und energiesparende Zweiräder, nicht nur für unsere Großstädte.

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